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Alternative Schulmodelle in Österreich

Schon seit längerem wird das Schulwesen in Österreich in Frage gestellt. Die ersten Bildungstest bestätigten dann auch den gehegten Verdacht. Aus diesem Grund werden immer öfters alternative Schulformen aufgesucht. Die pädagogischen Konzepte der alternativen Schulformen eint zumindest eines, alle unterschiedlichen Ausprägungen sind auf ein freies und offenes Lernen ausgelegt. In vielen Systemen wird besonderen Wert auf die Förderung der Kreativität und Selbstbestimmung der Schülerinnen und Schüler gelegt.

Ob PIRLS (Progress in International Reading Literacy Study), TIMSS (Trends in International Mathematics and Science Study) oder die bekannte PISA Studie (Program for International Student Assessment), sie alle zeigen in den letzten Jahren ähnliche Ergebnisse. Ergebnisse, die bestätigen, wovor ExpertInnen seit langem warnen. Das Bildungsniveau in Österreich sinkt, immer größer wird der Anteil jener Schülerinnen und Schüler, die über nicht ausreichende Lese-, Schreib- und Rechenkompetenzen verfügen. Kommt das Thema Bildung jedoch auf den Tisch, sind hochgehende Wogen vorprogrammiert. Es betrifft allerdings nicht nur die Politik, sondern tagtäglich viele Eltern schulpflichtiger Kinder in ganz Österreich. Sie stellen sich die Frage, ob ihre Kinder in staatlichen Schulen genug lernen und nicht selten entscheiden sie sich bewusst für alternative Schulmodelle.

Grundlegendes zur Reformpädagogik

Die Reformpädagogik gilt als Wegbereiter vieler alternativer Erziehungsrichtungen. Sie wurde sozusagen als Gegenentwurf zu klassischen, autoritären Schul- und Unterrichtsmodellen geschaffen und befasst sich darüber hinaus auch mit allgemeinen Erziehungsfragen. Zwischen dem 19. und 20. Jahrhundert entwickelte sich die Strömung weiter, Vertreter widmeten sich verstärkt schul-und bildungspolitischen Anliegen. Im Sinne der Reformpädagogik nimmt man dabei immer die Perspektive des Kindes ein. Man stellt sich also die Frage, wie erlebt ein Kind den Unterricht? Oder: wie lernt und verarbeitet es schulische Inhalte? Autoritäre und didaktisch sture Lehrmethoden werden abgelehnt. Als Alternative werden neue Erziehungsmethoden entwickelt, die das kindliche Wesen fördern und es ermutigen sollen, selbstständig und eigenverantwortlich zu begreifen und zu lernen. Da sich die Ansätze der Reformpädagogik zum Teil erheblich von herkömmlichen Unterrichtsmethoden unterscheiden, wurden sie ab 1945 vorwiegend unter dem Begriff Alternativpädagogik geführt. Zu den bekanntesten Konzepten aus diesem Bereich zählen Montessori- und Waldorfpädagogik. Diverse Privatschulen und Kindergärten in Österreich haben sich einer dieser beiden Linien verschrieben.

Alternativen für Kinder & Eltern

Bildungsentscheidungen werden von Eltern verantwortungsbewusst getroffen. Sie überlegen genau, welcher Kindergarten oder welche Schule für den Nachwuchs passend wäre und wägen (gut informiert) Vor- und Nachteile sorgfältig ab. Auf der Suche nach alternativen Schulmodellen werden sie vor allem im urbanen Bereich mehr als fündig. In den Ballungszentren gibt es neben den staatlichen Bildungseinrichtungen zahlreiche Schulen, die privat geführt werden und alternative pädagogische Konzepte verfolgen. Während man in herkömmlichen Schulen auf Frontalunterricht, einheitliche Benotungssysteme und allgemeine Leistungskriterien setzt, zählt in alternativen Schulen die Individualität jedes einzelnen Schülers/jeder einzelnen Schülerin. Jeder/jede soll gemäß seiner/ihrer persönlichen Interessen, Fähigkeiten und Neigungen gefördert werden. Mit einem speziellen Lehrplan will man diesem Anspruch gerecht werden. Einerseits geht es natürlich darum, Wissen in grundlegenden Fächern wie beispielsweise Deutsch, Mathematik zu vermitteln. Andererseits nehmen PädagogInnen in alternativen Schulen besonders Rücksicht auf die emotionalen Bedürfnisse der Kinder und auch darauf, in welchem Stadium ihrer Entwicklung sie sich gerade befinden.

Alternative Schulen sind jedoch nicht unumstritten. Während die einen davon begeistert sind, kritisieren andere, dass Schülerinnen und Schüler nicht genug lernen würden. Schließlich funktionieren viele Alternativschulen nach dem Prinzip „lernen wann man möchte“ und nicht selten kommt es vor, dass Kinder ohne Druck einfach nie lernen wollen. Ein weiteres Argument von Skeptikern ist, dass AbsolventInnen von Waldorfschulen und Co. nicht ausreichend für die „reale“ Arbeitswelt vorbereitet werden. Eine Welt in der markantes Leistungsdenken alles absorbiert, auch individuelle Bedürfnisse und Neigungen. Ob Kinder mit einer alternativen Erziehung bessere oder schlechtere SchülerInnen sind als Kinder mit einem herkömmlichen Bildungshintergrund, ist bislang noch nicht wissenschaftlich bewiesen. Das liegt hauptsächlich an fehlenden Studien zum Thema.

Waldorfschulen & Rudolf Steiner Schulen

Die Grundannahmen der Waldorfpädagogik gehen auf Rudolf Steiner zurück. Ziel der Waldorf- und Rudolf Steiner Schulen ist es, Erziehung und Bildung so miteinander zu verbinden, dass SchülerInnen lernen, eigenverantwortlich zu handeln und soziale Aspekte in dieses Handeln einfließen zu lassen. Die kindlichen Entwicklungsphasen bilden die Leitlinie für die pädagogische Arbeit. Demnach werden die Schuljahre 1-8 als Unter- bzw. Mittelschule und die restlichen 3 Jahre als Oberstufenklassen geführt. Während ihrer gesamten 12-Jährigen Schulzeit werden die SchülerInnen von einem Lehrer/einer Lehrerin betreut. Die Schulwoche besteht aus so genanntem Epochenunterricht, der alle wichtigen Schulfächer wie Deutsch, Mathematik, Geschichte etc. umfasst. Eine Epoche zieht sich über 3-4 Wochen. Das bedeutet, dass die SchülerInnen 3-4 Wochen schwerpunktmäßig in einem Fach unterrichtet werden. Zusätzlich stehen Fächer wie Musik, Sport, Religion, Fremdsprachen, Handwerken und Eurythmie (darstellende Bewegungslehre) zur Verfügung. In der Unter- und Mittelstufe gibt es keine Noten, sondern individuelle Bewertungsschreiben der Lehrer. SchülerInnen können auch nicht „sitzenbleiben“.

Montessori-Schulen

Maria Montessori, die erste Ärztin Italiens, beschäftigte sich nicht nur mit medizinischen, sondern allen voran mit erzieherischen Fragen. Die Förderung benachteiligter Kinder war ihr ein besonderes Anliegen – daher gründete sie 1907 das erste Kinderhaus Italiens, die „Casa dei Bambini“. Bei ihrer Arbeit mit den Kindern stellte sie fest, dass bereits Kleinkinder über ein hohes Konzentrationsvermögen verfügen und rasch lernen, wenn man ihnen Lehrmaterialien anbietet, die altersgerecht auf ihre Entwicklungsstufe abgestimmt wurden. Ihr Leitsatz „Hilf mir, es selbst zu tun“ prägt heute noch die Ausrichtung moderner Montessori-Schulen und Kindergärten. PädagogInnen sind nach Montessori angehalten, die Kinder zu beobachten und entsprechende Erziehungsmethoden zu wählen. Kinder dürfen sich stets frei entfalten und für das Erlernen von Inhalten ihr eigenes Tempo wählen. Statt Frontalunterricht wird offener Unterricht, statt herkömmlichen Lehrbüchern ansprechende Arbeitsmaterialien (Sinnesmaterial, Mathematik-Material, Sprachmaterial) geboten.

Freie Schulen

Im Netzwerk freier Schulen (Bundesdachverband für selbstbestimmtes Lernen) haben sich alternative Schulprojekte aus ganz Österreich zusammengeschlossen. Die Schulen verfolgen unterschiedliche pädagogische Ansätze und Lehrmethoden. Manche orientieren sich an den Leitsätzen von Maria Montessori, andere verfolgen moderne, weniger bekannte Erziehungskonzepte.

Kosten

Alternative Schulen werden in Österreich überwiegend privat geführt. Sie verfügen zwar über ein Öffentlichkeitsrecht und bekommen aufgrund dessen geringfügige Subventionen vom Staat, der Großteil aller Kosten muss jedoch von den Eltern getragen werden. Die monatlichen Schulgebühren können dabei stark variieren. Viele Schulen sehen jedoch eine soziale Staffelung der Schulbeiträge vor. Das bedeutet, dass  Schulleitung und Eltern gemeinsam die Einkommenssituation erheben und anschließend einen adäquaten Betrag festsetzen. Reichen Subventionen und Schulgebühren nicht aus, um den Schulbetrieb aufrecht zu erhalten, können gelegentlich Sonderzahlungen von den Eltern eingehoben werden.

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