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Stillen & Muttermilch: Neueste Erkenntnisse

Beim 11. Still- und Laktationssymposium 2016 in Berlin lieferten renommierte Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen neue Studienergebnisse und interessante Fakten rund um das Thema Muttermilch. Fazit: gestillte Babys starten besonders sanft und gesund ins Abenteuer Leben.

Multitalent Muttermilch

Künstliche Säuglingsnahrung war in den 50-Jahren ungemein populär. In den vergangenen Jahrzehnten hat sich allerdings ein Umdenken eingestellt. Sofern es einer Mutter möglich ist, zieht sie es vor, ihr Kind zu stillen. Das Personal auf den Entbindungsstationen ist dahingehend ausgebildet, einen gelungenen Still-Start zu ermöglichen, Hebammen und Stillberaterinnen leisten praktische Hilfe in den ersten Wochen nach der Geburt und auch in medizinischen Kreisen hat man sich längst auf die positiven Effekte des Stillens geeinigt. Das Wunder ermöglicht die Natur. Sie sorgt nämlich dafür, dass eine frischgebackene Mama ihren Säugling selbst ernähren kann. Etwa 95% aller Frauen weltweit sind medizinisch gesehen in der Lage, ihr Kind zu stillen. Voraussetzung: sie möchten es und werden nach der Geburt dahingehend beraten und betreut.

Zu Recht darf man sich an dieser Stelle nun fragen: warum ist Muttermilch so wertvoll? Noch dazu wo die Fortschritte der Industrie in der Herstellung künstlicher Säuglingsnahrung (Formula) heutzutage nicht mehr zu leugnen sind? Antworten darauf geben zahlreiche Studien und einige ExpertInnen im Rahmen des 11. Internationalen Still- und Laktationssymposiums. Einfach gesagt: die Mischung macht’s. In Wirklichkeit ist es natürlich etwas komplexer. Fest steht, dass Muttermilch in ihrer Zusammensetzung einzigartig und von Frau zu Frau unterschiedlich ist. Eiweiß, Kohlehydrate und Fett sind die Hauptbestandteile. Wenngleich ihre Konzentration schwankt und sich die Milch automatisch den Bedürfnissen des Säuglings anpasst. So steigt beispielsweise der Fettgehalt mit dem Heranwachsen des Kindes. Außerdem enthält Muttermilch zahlreiche Vitamine, Spurenelemente, Abwehrstoffe und Mineralstoffe.

Neue Erkenntnisse gibt es zu den in der Muttermilch enthaltenen Oligosacchariden aus der Gruppe der Kohlehydrate. Bis dato sind etwa 150 bis 200 Oligosaccharide bekannt. Sie wirken positiv auf die Darmflora des Babys, indem sie die Ansiedlung jener Mikroorganismen begünstigen, die einen Schutz vor Pilzen, Bakterien und Parasiten bieten. Wie wichtig die Mehrfachzucker sind, wird am Beispiel von Frühgeborenen sichtbar. Erhalten Frühchen Muttermilch, haben sie ein geringeres Risiko an einer gefährlichen Darmentzündung (nekrotisierende Enterokolitis) zu erkranken.

Prävention

Stillen fördert zahlreiche Bereiche der (späteren) gesundheitlichen Entwicklung des Babys. Dies unterstreicht auch Donna Geddes, eine Expertin der University of Western Australia. Studien haben gezeigt, dass in der Schwangerschaft und in den ersten Lebensjahren der Grundstein für die Gesundheit des Kindes gelegt wird. Dies betrifft zum einen das große Thema Ernährung, zum anderen geht es um konkrete Aspekte der Krankheitsprävention. Ernährt sich die Mutter während Schwangerschaft und Stillzeit abwechslungs- und vitaminreich, prägt dies das Essverhalten des Kindes. Es ist gesunden Lebensmitteln gegenüber offener, da es sie in gewisser Art und Weise bereits kennt. Schließlich ändert sich der Geschmack der Muttermilch mit den Produkten, die die stillende Mutter zu sich nimmt. Interessant ist auch das Sättigungsverhalten der Säuglinge. Man geht mittlerweile davon aus, dass gestillte Kinder eher über ein natürliches Sättigungsgefühl verfügen als Kinder, die mit Formula ernährt wurden. Auch das dürfte auf die individuelle Zusammensetzung der Muttermilch zurückzuführen sein.

Neueste Studienergebnisse unterstreichen den präventiven Effekt von Muttermilch. Der einzigartige Nährstoffgehalt sowie bioaktive Inhaltsstoffe beugen bestimmten Zivilisationskrankheiten sowie Folgeerkrankungen vor. Dazu zählen Übergewicht, das Metabolische Syndrom, Herz-Kreislauf-Erkrankungen genauso wie Diabetes mellitus. Darüber hinaus berichtet Geddes von positiven Effekten auf die Gehirnentwicklung, die Knochendichte und die Fruchtbarkeit. In Punkto Allergieprävention spricht sich Geddes ebenfalls für Muttermilch aus, obschon dieser Zusammenhang in Expertenkreisen nach wie vor als streitbar gilt.

Stolperstein Brustentzündung

Ein Forscher der Universität Madrid, Juan Miguel Rodríguez, zeigte im Rahmen des Symposiums einen signifikanten Zusammenhang zwischen einer Brustentzündung und dem Abstillen auf. Viele Frauen sehen sich aufgrund einer akuten Mastitis zum Abstillen gezwungen. Das geschieht meist zu einem Zeitpunkt an dem die Betroffenen noch gerne weitergestillt hätten. Rodríguez geht jedoch davon aus, dass die subakute Brustentzündung häufiger vorkommt, als bisher angenommen wurde. Sie unterscheidet sich in den Symptomen von der akuten Mastitis – im Grunde genommen erleben erkrankte Frauen das Stillen „nur“ als schmerzhaft. Sie haben kein Fieber, keine Gliederschmerzen, keinen Schüttelfrost und auch keine Schwellung an den Lymphdrüsen. Die subakute Form der Brustentzündung wird von Krankheitserregern ausgelöst, die sich in den Milchgängen ansiedeln. Daher plädiert der Experte für die Entnahme einer Bakterienprobe, um gezielter behandeln zu können. Im Gespräch sind derzeit auch Probiotika, die sowohl in der Prävention als auch in der Therapie eingesetzt werden könnten.

Ob akut oder subakut, für erkrankte Frauen gelten im Falle einer Brustentzündung folgende Regeln: dauern die Beschwerden und das Fieber länger als 24 Stunden an, ist der Besuch beim Arzt/bei der Ärztin oder auch auf der Geburtenstation des örtlichen Krankenhauses Pflicht. Gegebenenfalls werden Antibiotika und Schmerzmittel verschrieben, die kaum bis gar nicht in die Muttermilch übergehen. Darüber hinaus sind Schonung (Bettruhe) und häufiges Anlegen essentiell für den Genesungsprozess. Babys können und sollen ruhigen Gewissens weiterhin gestillt werden, ein Abstillen ist (bei sachgemäßer Behandlung der Entzündung) nicht erforderlich!

Paradigmenwechsel in der medizinzischen Praxis

Setzte man in den vergangenen Jahren in der neonatologischen Versorgung vorwiegend auf Ernährung durch künstliche und angereicherte Milchnahrung, rücken mittlerweile die Vorzüge der natürlichen Muttermilch stärker in den Vordergrund. ÄrztInnen streben an, selbst Hochrisikokinder zumindest partiell mit Muttermilch zu versorgen. Ist es einer Mutter nicht gleich nach der Geburt möglich, selbst Milch bereit zu stellen, greift man in der Zwischenzeit auch auf Milch von Spenderinnen zurück. Die wertvollen Inhaltstoffe beeinflussen die Entwicklung der Frühgeborenen positiv, die Ansiedlung der Darmflora mit Mikroorganismen wird gefördert, das Immunsystem gestützt. Ideale Ergebnisse können mit roher also unverarbeiteter Spendermuttermilch erzielt werden. Auch kleine Mengen an eigener Muttermilch (in Kombination mit Spendermilch und Pre-Nahrung) tragen zum Wachstum des Babys bei.

Hintergrundinfos zur Veranstaltung

Das 11. Still- und Laktationssysmposium wurde vom Schweizer Unternehmen Medela AG, einem Hersteller von Stillprodukten und medizinischen Vakuumtechnologielösungen, veranstaltet. In Berlin trafen sich 400 TeilnehmerInnen aus 41 Ländern sowie 9 geladene ExpertInnen aus 5 Ländern, um neueste Erkenntnisse zu den Themen Stillen und Muttermilch auszutauschen. Die Medela AG gibt an, Grundlagenforschung mit führenden WissenschaftlerInnen zu betreiben. Die Ergebnisse der Studien fließen in die Produktentwicklung des Unternehmens ein.

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