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Mein Kind, dein Kind – Warum Vergleiche mehr schaden, als sie nützen

Gastartikel von Veronika Winter, 2balance.at

Jedes Kind ist einzigartig! Eltern sind sehr stolz auf ihre kleinen Individuen und erzählen gerne von kleineren und größeren Entwicklungsschritten. Die Frage: „Wie weit ist dein Kind denn schon?“ kann allerdings zu einem richtigen Konkurrenzkampf zwischen Eltern werden und ein Gefühl der Verunsicherung erzeugen. Und plötzlich kommen dann Zweifel auf: „Tue ich genug?“ „Ist mein Kind gut so wie es ist?“. Solche Gedanken graben sich langsam in den Kopf und stellen das gesunde Bauchgefühl infrage.

Vergleichen beginnt schon sehr früh, vielleicht unbewusst und aus einer anderen Intention heraus. Viele wollen einfach wissen, ob das, was sie spüren oder tun, „richtig“ und „normal“ ist.

Ich finde, dass der Druck auf Eltern überall teilhaben zu müssen, um mitreden zu können, steigt. Schuldgefühle zu wenig für sein Kind zu tun oder auch zu viel, es nicht genug zu fördern oder Potenzial zu verschenken, werden geschürt. Der Kindergarten wird als Weichenstellung für das restliche Leben gesehen. An dieser Stelle würde ich mich fragen: Macht das Sinn oder schadet es eher? Müssen Kinder da wirklich durch? Was ist „normal“? Gibt es überhaupt eine ideale Entwicklung? Was muss ein Kind eigentlich können?

Als Mutter kann man es nie allen recht machen und das ist gut so, soll man auch nicht! Als Mama von drei Kindern kenne ich mich natürlich aus. Ich bin quasi auch eine Expertin.

Beruflich arbeite ich als Physiotherapeutin, was meine Egovorstellung von Schwangerschaft, Geburt und Kindern rasch auf den Boden der Tatsachen gebracht hat und mich vor manchen sinnlosen Vergleichen zwischen Müttern in der Sandkiste gerettet hat. In manchen Fällen ist „Weghören“ tatsächlich das beste Rezept. Stattdessen rate ich jeder/m zum eigenen Kind „hinzuspüren“.

Der eigenen Intuition vertrauen

Beginnen wir in der Schwangerschaft. Denn das ist der ideale Zeitpunkt, um den Blick nach innen zu richten und auf das eigene Bauchgefühl zu hören.

Wir haben heutzutage so viel Zugang zu unterschiedlichsten Informationen, das ist Fluch und Segen gleichermaßen. Es gibt unzählige Artikel oder Bücher. Die Google-Suche nach den Begriffen „schwanger“ oder „Baby“ spukt eine ungefilterte Flut an Informationen aus. Zusätzlich haben FreundInnen, Eltern, ja sogar Wildfremde eine Meinung, die sie oft ungefragt kundtun. Was soll man essen, wie soll sich eine Schwangere bewegen, was darf sie fühlen… Und schon wieder kommen die Gewissensbisse. Frei nach dem Motto: „Booste deine Schwangerschaft“, da geht noch mehr noch besser, noch glücklicher, gesünder, fitter, runder und und und. Es reicht einfach nicht „nur“ schwanger zu sein, nein, Mütter hetzen zum Tanzen, Yoga, besuchen Mama-Laufgruppen und Rebirthing-Seminare, beginnen zu nähen, belegen vegane Kochkurse usw. Aus physiotherapeutischer Sicht ist das nicht notwendig. Ein guter Geburtsvorbereitungskurs in Kombination mit einem gesunden Lebensstil reicht zumeist völlig aus.  

An dieser Stelle überspringen wir die Geburt, dazu bräuchte es einen eigenen Beitrag. So individuell, so einzigartig und so kraftvoll, schmerzvoll, erleichternd… ist dieser Moment, wenn dann das Baby geboren ist, endlich da ist.

Und wie geht es nach der Geburt dann weiter?

Hier begegnen sie uns wieder: Internet, Ratgeber, Bücher, Meinungen und Vergleiche. „Wie war deine Geburt?“, „Ach, du hattest einen Kaiserschnitt?“, „Warst du schon bei der Osteopathin?“ „Ich habe so ein tolles Zirbenbett, das wirkt Wunder!“ „Man sollte unbedingt stillen!“ Es gibt kaum eine Mutter, die solche Ratschläge und Fragen noch nicht gehört hat. 

Als Physiotherapeutin unterstütze und berate ich Eltern und Kinder auf ihrem Weg durch den Dschungel und die Flut an Informationen. Oft sind es nur Unsicherheiten und die Frage, ob man mit dem eigenen Kind alles richtig macht. Babys zeigen uns eigentlich sehr genau, was sie brauchen und wann sie für den nächsten Entwicklungsschritt bereit sind. Das ist so ein innerer Motor, der in ihnen drinnen steckt. Da lohnt es sich intensiv mit ihnen zu beschäftigen, um diese kleinen Wesen wirklich kennenzulernen. Und dafür braucht es Zeit und manchmal ein paar Tipps oder Vergleiche weniger. Wer einen fachkundigen Rat benötigt, wendet sich ohnehin an Hebammen, ÄrztInnen, Physio- und ErgotherapeutInnen und LogopädInnen.

Lass mir Zeit!

Es gibt sogenannte HOT SPOTS in der motorischen Entwicklung. Das sind der Stütz aus der Bauchlage plus ein symmetrisches „Kopf aus der Mitte heben“, das Sitzen und das Gehen. Dazwischen kommen viele andere wichtige „Zwischenschritte“ wie der Hand-Fuß-Mund Kontakt, Überkreuzen der Mitte, Drehen, 4-Füßler-Stand und das Krabbeln.

Da tut sich in der ersten Zeit ganz schön viel. Für diese HOT SPOTS gibt es eine ungefähre Altersangabe und eine Beschreibung, wie die Bewegung idealerweise aussehen soll. Wir PhysiotherapeutInnen sprechen von Bewegungsqualität. Sie ist sozusagen das Zeichen für die Reife des Babys und zeigt uns, ob es für den nächsten Entwicklungsschritt bereit ist.

Und so reiht sich ein Schritt nach dem anderen, ganz von selbst. Geht es darum, schneller als andere zu sein? Nein! Es geht darum, Raum für das individuelle Tempo des Kindes zu schaffen.

„Mein Kind kann mit 4 Monaten schon bei Tisch sitzen!“

Das ist kein „echtes“ und „reifes“ Sitzen. Es schadet dem Baby. Babys lernen sitzen nicht, indem sie passiv hingesetzt werden! Weder in einer Wippe noch festgezurrt im Hochstuhl, in der Babyschale oder in einer Babyhopse! Alle diese gut gemeinten Förderungen führen zu nichts, außer im schlimmsten Fall zu Haltungsschäden und Entwicklungsverzögerungen. Sitzen kommt in der motorischen Entwicklung nach dem 4 Füßler-Stand bei den meisten Babys mit ca. 8-10 Monaten. Und auch hier wieder - ganz von allein.

„Lass es mich selbst tun!“

Lernen findet durch eigenes Tun statt, durch Selbsterfahrung und nicht, indem wir Kindern unsere Konzepte aufzwingen, auch wenn es gut gemeint ist. Zu viele Kurse und Förderungen wirken eher kontraproduktiv. Ich kann mich erinnern, dass sich die Schlafenszeit meiner Tochter oft mit dem Schwimmkurs überschnitten hat. Das schlafende Baby aufwecken? Den Zeitvorgaben entsprechen? Stressig für uns beide. Ich habe mein Kind lieber schlafen lassen und in der Umkleide oder oft auch im Auto auch Pause gemacht. Danach waren wir beide wieder bereit für neue Abenteuer. Schwimmen kann meine Tochter übrigens hervorragend, trotz der versäumten Schwimmeinheiten mit 4 Monaten.

„Lass es mich selbst tun“- Das ist eine wichtige Botschaft, die uns Kleinkinder durch ein „Ich“ oder „Selber machen“ senden. Ich finde, dass „Lassen“ und „Nicht-Stören“ oder „Nicht-Einmischen“ in ihren Rhythmus, eine Tätigkeit, ein Spiel oder einfach ein „in die Luft schauen“ ganz wesentlich und wichtig für ihre Entwicklung sind. Denn Kinder wollen ihren Weg durch diese Welt finden, in ihrem Tempo auf ihre eigene Art. Sie wollen selbst probieren, scheitern, Pausen einlegen, neue Wege finden. Zeige ich ihnen alles („So gehört das“), nehme ich ihnen eine wichtige Erfahrung weg und löse mitunter sogar einen Wutanfall auf der Gegenseite aus.

Wen kümmert es, ob mein Kind mit 3 Jahren die Unterhose richtig herum anhat? Also meine Kindergartenpädagogin hat das noch nie wirklich gestört. Oft kommt mein Sohn auch mit Schuhen aus der Gruppe, die falsch herum angezogen sind. Ich frage dann „Hast du dir die Schuhe selbst angezogen?“ Kommt als Antwort ein stolzes „Ja!“, spare ich mir jeden schulmeisterlichen Kommentar. Aussagen wie „Die anderen Kinder machen es richtig. Warum schaffst du das nicht? Schau mal, so geht das!“ sind kontraproduktiv! Natürlich denkt die Physiotherapeutin in mir an die Fußgesundheit des Nestlings, aber ehrlich, für die paar Meter nach Hause die Schuhe wieder ausziehen und „richtig herum“ anziehen? Nein! Das Erfolgserlebnis, es selbst geschafft zu haben, ist wichtiger. Ich habe meinen Junior einmal gefragt: „Hast du es bequem in den Schuhen? Drückt es irgendwo?“ Statt mir zu antworten, ist er herumgehüpft wie ein junges Reh. Das war mir Beweis genug, dass er keine bleibenden Schäden davontragen würde.

Abschließend muss ich zugeben, ich gehöre gelegentlich dann doch auch zu den stolzen Müttern, die meinen: „Mein Kind kann sich mit 3 Jahren selbst anziehen!“ Erwischt!

Übermäßiges Vergleichen jedoch führt oft zu Verunsicherung und Frustration. Nicht nur bei Eltern, auch bei Kindern. Die bekommen nämlich mit, dass sie nicht „gut genug“ sind. Wir dürfen die feinen Antennen nicht unterschätzen, die die kleinen Erdlinge haben. Fast unheimlich, wie sie unsere Gefühle herausagieren. Manchmal sehe auch ich meinen unterdrückten Ärger vor mir herumspringen und schreien. Wenn wir also auf das „Performen“ unserer Kinder so viel Wert legen, sollten wir lieber bei uns beginnen und mit den Vergleichen aufhören. Uns und unseren Kindern zuliebe.

Veronika Winter ist Mutter von 3 Kindern, Physiotherapeutin und Gründerin von Yoga Anatomie KIDS mit Praxis in Wien 2balance.at. In ihrer Arbeit verbindet sie fundiertes therapeutisches Wissen mit Yoga. „Gesundes Bewegen beginnt bei 0“ ist ihr Credo.

Kontakt:
Praxis 2balance www.2balance.at
Peter-Jordanstraße 32-34/2balance
1190 Wien

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