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Kinder entwickeln Geschmack

Viele Eltern kennen den täglichen Kampf am Mittagstisch nur zu gut: Das Kind möchte partout keine Portion Gemüse zu den geliebten Nudeln und dem süßen Nachtisch zu sich nehmen. Dahinter steht nicht nur das kindliche Trotzverhalten, sondern oft auch der Unterschied von kindlichem und erwachsenem Geschmackssinn. Viele Eltern fragen sich, worauf diese Verschiedenheit zurückzuführen ist und wie sie am besten damit umgehen können. Die kindliche Geschmacksentwicklung ist dabei ein Zusammenspiel aus angeborenen und erlernten Faktoren.
    Bei Kindern erfolgt die Entwicklung des Geschmacksinns etwa in den folgenden Etappen:
  1. Bis zur 10. Schwangerschaftswoche bilden sich die ersten Geschmacksknospen (diese befinden sich in der Mundschleimhaut, im Besonderen auf der Zunge, und beherbergen die Geschmackssinneszellen). Einige Wochen später beginnen die Geschmacksknospen mit den Nerven des ungeborenen Kindes zu kommunizieren. Der Embryo hat erste geschmackliche Eindrücke und Empfindungen.
  2. Ein Neugeborenes schmeckt bereits erste Geschmacksrichtungen wie süß, sauer und bitter. Süß wird von Babys jedoch bevorzugt, während sauer und bitter geschmacklich noch eine Ablehnung erfahren.
  3. Mit etwa vier Monaten können Kinder auch salzigen Geschmack wahrnehmen.
  4. Im Alter von drei Jahren sind ist die Ausbildung der Geschmacksorgane und ihre Vernetzung mit dem Nervensystem soweit abgeschlossen, dass Kinder bereits das volle Spektrum der geschmacklichen Empfindung erfahren.
  5. Dennoch verändert sich der kindliche Geschmack in den folgenden Jahren noch stark und zwar aufgrund von verschiedenen Lernprozessen, die wir im folgenden kurz besprechen möchten.

Angeborener Geschmack

Einige Geschmacksvorlieben sind dem Menschen angeboren. Die Geschmackspräferenzen, die vor langer Zeit für das Überleben der Jäger und Sammler sorgten, haben sich in unsere Gene eingeschrieben, verbirgt sich dahinter doch in Wirklichkeit ein komplexer Code aus Nährstoffen nach denen unser Körper verlangt.

Dazu gehört etwa die Vorliebe für Süßes, Salziges und Fettiges. Süß schmecken ungiftige, reife Früchte. Durch sie nahmen die Jäger und Sammler den Energielieferant Zucker sowie Vitamine und Mineralstoffe auf. Salz war für unsere Vorfahren in der Natur nicht leicht zu finden. Eine starke Vorliebe für Salziges sorgte dafür, dass der Mensch sich trotzdem auf die Suche nach Salz begab - benötigte er doch das darin enthaltene Natrium für seinen Wasserhaushalt. Fett ist keine eigentliche Geschmacksrichtung, sondern ein Geschmacksträger der andere Geschmacksrichtungen verstärkt. Fett liefert den Menschen seit jeher Energie und sicherte auch in der fernen Vergangenheit unser Überleben. Aus diesem Grund mögen wir es noch heute. Auch die Abneigung gegen Bitteres ist genetisch vorprogrammiert: Sie schützt uns vor giftigen oder verdorbenen Nahrungsmitteln.

Viele geschmacklichen Vorlieben und Abneigungen sind uns eigen, weil sie lange Zeit das menschliche Überleben sicherten. Mit dem industriellen Zeitalter hat sich das Angebot an Nahrungsmitteln jedoch stark verändert. Unsere Geschmacksvorlieben sind jedoch annähernd dieselben geblieben, was wiederum dazu führt, dass wir uns oft auch tendenziell ungesund mit geschmacklich auf den Menschen abgestimmten Produkten ernähren. Zum Beispiel ist unser Appetit nach Salz so groß, dass die meisten Menschen vielmehr Salz zu sich nehmen, als sie eigentlich benötigen.

Obwohl solche genetischen Geschmacksvorlieben alle Menschen teilen, sind sie bei Kindern stärker ausgeprägt als bei Erwachsenen. Im Gegensatz zu Kindern haben Erwachsene bereits viele Informationen über Geschmack gespeichert. Kinder haben diesen Lernprozess noch nicht vollzogen und greifen daher stärker als Erwachsene auf genetische Informationen zurück.

Erlernter Geschmack

Der menschliche Geschmack ist genetisch nicht vollkommen festgelegt, sondern zu einem großen Teil auch erlernt. Das passiert über Vergleichswerte. In den ersten Lebensjahren bauen Menschen sich eine Art ‚Geschmacksgedächtnis‘ auf, welches ihren Geschmack prägt. Wie schnell das passiert und welche Geschmacksarten darin dominieren, hängt von der individuellen Ernährung des Kindes ab.

Isst ein Kind beispielsweise häufig frische Tomaten wird im Gehirn abgespeichert, wie eine Tomate schmeckt. Dieses Geschmacksbild ist in Zukunft vertraut und kann dadurch verstärkt gemocht werden. Wenn ein Kind hingegen häufig Ketchup isst, kann es passieren, dass es unter der Kategorie Tomatengeschmack den Geschmack des Ketchups speichert. Ist dieser Geschmack vertrauter als der Geschmack einer echten Tomate, wird das frische Gemüse womöglich abgelehnt.

Auf diese Weise werden auch die Geschmacksschwellen erlernt. Eine Geschmacksschwelle sagt aus, ab welcher Konzentration ein Mensch eine bestimmte Geschmacksrichtung schmeckt. Also zum Beispiel, wie viele Würfel Zucker in einer Tasse Tee enthalten sein müssen, damit er süß schmeckt. Da Kinder ihr ‚Geschmacksgedächtnis‘ erst füllen müssen, liegen ihre Geschmacksschwellen viel höher als bei Erwachsenen. Aus diesem Grund empfinden Erwachsene Nahrungsmittel die Kindern schmecken oft als unerträglich süß.

Die Geschmacksschwellen für die Grundgeschmacksarten sinken ab dem Alter von acht Jahren bis zum Erwachsenenalter stark ab. Bei den hiesigen Essgewohnheiten dominiert süßes und salziges. Dadurch können Kinder viele Geschmacksmuster, die in diese Kategorien fallen, abspeichern. In Folge gehen die Geschmacksschwellen süß und salzig am ehesten zurück. Als letztes sinkt die Geschmacksschwelle bitter. Aus diesem Grund schmeckt bitteres meistens nur Erwachsenen.

Wie die Eltern so das Kind

Der Geschmack wird also zu einem großen Teil erlernt. Geschmäcker, die Kinder häufig schmecken, speichern sie ab und mögen sie in Zukunft. Die Eltern haben dabei großen Einfluss auf die geschmackliche Prägung ihrer Sprösslinge.

Eine gewisse Prägung findet schon vor der Geburt im Bauch der Mutter statt. So ist der Geschmack des Fruchtwassers von der Ernährung der Mutter abhängig. Schon der Embryo gewöhnt sich also an den Geschmack seiner Eltern. Auch der Geschmack der Muttermilch ist abhängig davon, was die Mutter zu sich nimmt. Isst die Mutter beispielsweise viele Äpfel, ist die Wahrscheinlichkeit, dass das Kind später auch Äpfel mag hoch.

Dasselbe gilt für die ersten Lebensjahre. Da vor allem die Eltern bestimmen, was auf den Tisch kommt, beeinflusst ihr Geschmack was das Kind kennen- und dadurch mögen lernt. Abneigungen der Eltern übertragen sich dabei viel leichter auf die Kinder als geschmackliche Vorlieben. Eine heikle Mutter führt also mit großer Wahrscheinlichkeit auch zu einem heiklen Kind.

Ernährungsvorlieben lassen sich jedoch ein Leben lang verändern. Dabei spielt der Faktor der Gewohnheit eine entscheidende Rolle. Die Faustregel dabei lautet: Was oft gegessen wird, wird auch gerne gegessen. Auch die Eltern selbst können ihre Geschmacks-Gewohnheiten auf diese Weise verändern. Schmeckt das gesunde Vollkornbrot beim ersten Versuch nicht, lohnt es sich also öfter davon zu kosten. Eine Veränderung der eigenen geschmacklichen Vorlieben auf diese Weise sollte besonders dann eine Überlegung wert sein, wenn Nachwuchs geplant oder auf dem Weg ist. Denn die eigenen Geschmacksvorlieben gibt man automatisch auch dem Kind mit auf den Weg.

Geschmack und Emotion

Ein weiterer wichtiger Faktor bei der Entwicklung des Geschmackssinns ist die emotionale Besetzung von Geschmäckern. Verbindet ein Kind einen Geschmack mit einem angenehmen Gefühl, mag es diesen Geschmack auch. Füttert man ein Baby mit einer bestimmten Speise sehr liebevoll hat diese also gute Chancen sein Leibgericht zu werden. Auch wenn das Kind bestimmte Nahrungsmittel mit engen Bezugspersonen verbindet, wird es diese später lieber mögen. Eine angenehme Essatmosphäre ist für Kinder daher sehr wichtig, auf unnötiges Bevormunden beim Essen sollte also weitgehend verzichtet werden.

Aber Vorsicht: Kinder bevorzugen aus demselben Grund auch Lebensmittel, die sie als Belohnung erhalten. Eltern die ihre Kinder mit Süßigkeiten oder Fast-Food belohnen, programmieren ihre Kinder also geradezu auf diese Speisen.

Wie bereits ausgeführt bevorzugen alle Menschen ihnen bekannte Geschmäcker. Diese Vorliebe ist bei Kindern noch viel stärker ausgeprägt als bei Erwachsenen, denn auf Kinder prasselt jeden Tag eine Unmenge neuer Eindrücke ein. Kinder sind daher vermehrt auf Vertrautes angewiesen, das ihnen Halt gibt. Das kann sich in der Aufforderung, jeden Tag dasselbe Bilderbuch vorzulesen, aber auch in der Bevorzugung des immer gleichen Gerichts äußern. Wenn Kinder drei Mal täglich Nudeln essen möchten, ist das an sich also kein Grund zur Beunruhigung. Dennoch sollten Erwachsene darauf achten, ihrem Kinder auch neue Speisen vorzustellen – auch wenn das Kind diese bei den ersten Versuchen ablehnt.

Obwohl der kindliche Geschmackssinn stark von der Prägung der Eltern abhängig ist, sollte er immer mit Respekt behandelt werden. Ist doch der Geschmackssinn für das Kind auch ein Weg, seine Unabhängigkeit von den Eltern zu entwickeln. Aus diesem Grund erfordert die ‚Geschmackserziehung‘ von Kindern, so sinnvoll sie ist, jede Menge Feingefühl.

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