
Probleme in der Schule, Schwierigkeiten, sich in soziale Gruppen einzufügen oder Ungeschicklichkeit können bei Kindern Anzeichen für das Vorhandsein von Teilleistungsstörungen sein. Darunter versteht man verschiedene Funktionsstörungen in Bereichen des Denkens, Fühlens oder Sprechens, erklären die Experten der Psychologischen und Psychotherapeutischen Praxis im 9. Wiener Gemeindebezirk.
Bei leicht ausgeprägten Störungen dieser Art spricht man von Teilleistungsschwächen. Nicht erkannte oder behandelte Teilleistungsstörungen und -schwächen können Ursache für spätere Lern-, Leistungs- und Verhaltensprobleme sein und Betroffene bis ins Jugend- und Erwachsenenalter begleiten.
Wodurch Teilleistungsstörungen hervorgerufen werden, konnte bislang nicht restlos geklärt werden. Ärzte vermuten einerseits bei Störungen im Bereich der Sprach- und Lese-Rechtschreib-Fähigkeiten entwicklungsbezogene und familiäre Gründe als Ursache. Jedoch werden auch biologische Ursachen, etwa Beeinträchtigungen im Zentralnervensystem, nicht als Verursacher ausgeschlossen, erklärt die deutsche Heilpädagogin und Kinder-, Jugend- sowie Elternberaterin Angela Rodeck-Werner.
Teilleistungsstörungen oder -schwächen sind laut Rodeck-Werner erhebliche Leistungsminderungen, die sich nicht durch eine allgemeine Intelligenzminderung, neurologische Erkrankungen, Sinnesbeeinträchtigungen oder durch mangelnden (schulische) Förderung erklären lassen.
Besonders im (schulischen) Lernprozess kann die Leistungsfähigkeit durch Teilleistungsstörungen negativ beeinflusst werden, erklärt die BundesArbeitsGemeinschaft zur Förderung der Kinder und Jugendlichen mit Teilleistungs-/Wahrnehmungs-Störungen (BAG-TL). Beeinträchtigen die Störungen eine Stufe des Lernprozesses – also die Aufnahme, Verarbeitung, Abspeicherung oder Weitergabe von Information – können dadurch auch die anderen Bereiche beeinflusst werden und letztlich der gesamte Prozess, das Kind in vielen seiner Entwicklungsbereiche, betroffen sein.
Die Informationsaufnahme wird bei Teilleistungsstörungen nicht durch Seh- oder Hörschwächen gemindert, sondern durch Fehlwahrnehmungen. Die betroffenen Kinder nehmen Zahlen oder Buchstaben vertauscht wahr oder haben Konzentrationsprobleme und überspringen beim Lesen ganze Wörter oder Sätze. Andere Kinder können Gesprochenes nicht richtig verstehen und verarbeiten, fragen immer wieder nach oder fühlen sich nicht angesprochen. Hierbei handelt es sich um sogenannte auditorische Wahrnehmungsstörungen. Bei der Verarbeitung von Informationen kann es zu Beeinträchtigungen der Organisation und Ordnung im Gehirn kommen, Wochentage werden beispielsweise nicht in der richtigen Reihenfolge aufgezählt.
Bei der Speicherung neuer Information bereitet das Kurzzeitgedächtnis oft Probleme, die betroffenen Kinder müssen Dinge überdurchschnittlich oft wiederholen, um sie sich zu merken. Zudem kann es schwer fallen, Gelerntes in Beziehung zu vorhandenem Wissen zu setzen. Bei der Informationsweitergabe können auch Sprachstörungen auffallen – Kinder haben Schwierigkeiten auf Fragen zu antworten, selbst wenn sie ungefragt problemlos sprechen können.
Teilleistungsstörungen können sich auf unterschiedliche Art bemerkbar machen. Oft beginnen sie mit unscheinbaren Symptomen wie ausgeprägter Aktivität, kleinen Rechen- und Schreibfehlern, schneller Gereiztheit, Konzentrationsproblemen oder Unaufmerksamkeit. In weiterer Folge können sich die Schulleistungen verschlechtern und mangelnde Motivation oder Angst vor der Schule auftreten. Kleine Kinder, die von Teilleistungsstörungen betroffen sind, können Probleme beim Nachsprechen, dem Merken von Wochentagen, Namen, Farben oder Buchstaben oder von Reimen haben.
Störungen in der Wahrnehmung von Entfernungen können ebenso in Zusammenhang mit Teilleistungsstörungen auftreten. In diesem Fall wirkt das betroffene Kind ungeschickt, wirft Dinge um oder greift daneben. Gleichgewichtsstörungen, die sich durch Hinfallen bemerkbar machen, einfache Sprache und einseitige Kommunikation, Probleme mit der richtigen Reihenfolge beim Anziehen von Kleidung oder der Strukturierung von Geschichten, Hyperaktivität oder Teilnahmslosigkeit sind weitere mögliche Symptome, erklärt Rodeck-Werner.
Werden Teilleistungsstörungen bei Schulkinder nicht erkannt oder behandelt, können die entstehenden Problem zu sozialer Ausgrenzung führen, warnt die BAG-TL. Bei den betroffenen Kindern können zudem Selbstzweifeln entstehen, es ist verwirrt oder frustriert. Die Probleme in der Schule nagen damit am Selbstwertgefühl und verderben den Spaß am Lernen. Die aufgrund von Teilleistungsstörungen entstehende Verunsicherung kann in weiterer Folge Verhaltensauffälligkeiten mit sich bringen.
Kinder mit Verhaltensauffälligkeiten sind in vielen Fällen sehr impulsiv, unaufmerksam, leicht ablenkbar, hyperaktiv oder unflexibel sein. Sie können aber ebenso aufgrund sozialer Fehlwahrnehmungen in bestimmten Situationen unangemessen oder unreif reagieren, weil sie Stimme, Gestik und Mimik anderer Personen nicht richtig deuten können.
Teilleistungsstörungen werden besonders oft nach dem Schuleintritt, also im Alter von sieben oder acht Jahren festgestellt. Es ist möglich, dass erst Pädagogen in der Bildungseinrichtung Auffälligkeiten oder Lernprobleme bei dem betroffenen Kind feststellen und die Eltern darauf aufmerksam machen.
Wenn Auffälligkeiten bemerkt werden, die den zuvor beschriebenen Symptomen ähneln oder die Schulleistungen deutlich nachlassen und das Gespräch mit den Lehrern keine Ursachen aufzeigt, sollte ein Kinderarzt aufgesucht werden. Dieser prüft zuerst das Seh- und Hörvermögen des Kindes. Bei Verdacht auf vorliegende Teilleistungsstörungen oder -schwächen kann der Betroffene an Spezialisten, etwa einen Therapeuten in Gebieten der Kindesentwicklung und Förderung oder einen Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie überwiesen werden. Um das Vorhandensein von Teilleistungsstörungen aufzuzeigen, gibt es spezielle Testbögen, die schon am Ende der ersten Klasse ausgefüllt werden können. Tatsächlichen Aufschluss über eine oft sehr komplex geartete Problematik kann dieser natürlich nicht geben, jedoch möglich Indizien.
Steht die Diagnose Teilleistungsstörung fest, werden Therapien mit ausgebildeten Pädagogen vereinbart, um die entstandenen Beeinträchtigungen zu mindern. So gibt es beispielsweise Lese- und Rechtschreib- oder Lernprogramme bei Legasthenie oder Lern-Rechtschreib-Problemen.
Eine frühe Förderung des betroffenen Kindes kann die vorhandenen Teilleistungsstörungen abschwächen und weiteren Problemen vorbeugen. Eltern sollten deshalb nicht abwarten, ob sich die Probleme von selbst lösen, sondern versuchen, dem Kind durch richtige Behandlung rechtzeitig zu helfen.