Langzeitstudien zeigen, dass sehr häufig aus aggressiven Kindern gewalttätige Erwachsene werden. Gewalttätigkeiten nehmen bei Kindern und Jugendlichen in unserer Gesellschaft zu und die Täter werden, Statistiken zufolge, zunehmend jünger. Vermehrt werden Kinder und Jugendliche in psychologischen Praxen vorgestellt, weil sie durch aggressives Verhalten im Kindergarten oder der Schule auffallen oder aber die Familie tyrannisieren.
Signifikant ist dabei, dass Jungen drei- bis viermal öfter aggressives Verhalten an den Tag legen als Mädchen. Zwar gibt es seit 1989 ein Gesetz (§ 146a ABGB) welches Eltern verbietet ihren Kindern körperlichen Schaden zuzufügen, aber das Selbstverständnis und die absolute Ablehnung von Gewalt sind noch nicht allgegenwärtig.
Wie entsteht Aggression

Wenn Kinder übermäßig aggressiv sind, kann dies verschiedenste Ursachen haben. Diskutiert werden psychische Auslöser, biologische Ursachen, aber vor allem die Wechselwirkung zwischen dem Kind und seiner Umwelt. In der psychoanalytischen Erklärung wird die Aggression als ein angeborener Trieb sowie als das Fehlen einer stabilen Identität beschrieben.
Das frühe Bindungsverhalten der Kinder ihren Eltern gegenüber beeinflusst die Entwicklung und formt das eigene Selbst. Aus einer unsicheren, desorganisierten Bindung, in der negative Gefühle, Ambivalenzen und Angst im Vordergrund stehen, können aggressive Tendenzen resultieren. In der Eltern-Kind-Beziehung ist ein Interaktionsmuster wichtig welches dem Kind das Gefühl vermittelt versorgt, geliebt und erwünscht zu sein. Ist dieser Eltern-Kind-Dialog nicht hinreichend gut, verlässlich und konsistent und kommt es immer wieder zu Unterbrechungen oder Zurückweisungen, wird die Beziehung fragil, brüchig und ist gefährdet. Wird das eigene Selbst nicht geachtet und wertgeschätzt, ist eine friedvolle Begegnung mit sich selbst und anderen nicht möglich.
Als biologische Ursachen werden ein allgemein niedrigeres Erregungsniveau sowie die schlechtere Kontrolle der Impulse genannt. Insgesamt findet sich in der Fachliteratur allerdings eine Reihe von Befunden, die sich dafür aussprechen, dass
genetische Merkmale und Dispositionen einen eher geringen Stellenwert für die Entwicklung und Aufrechterhaltung von aggressiven Verhaltensmustern haben.
Auch Angst und Armut machen aggressiv. Häufig stammen auffällig gewordene Kinder aus sozial benachteiligten Verhältnissen. Arbeitslosigkeit, knappe finanzielle Mittel, allgemein geringe Ressourcen sowie wenig Zuwendung und Interesse gegenüber den Bedürfnissen des Kindes stehen hier im Vordergrund.
So wie eine Reihe anderer Prozesse wird auch Aggression durch Lernen am Modell stark beeinflusst und gefördert. Anhaltende Gewalterfahrungen, wie körperliche und sexuelle Misshandlung in der Familie stressen ungemein. Auch die Partnerschaftskonflikte der Eltern belasten das Kind. Oft sind die Eltern mit der Erziehung überfordert und Vernachlässigung oder Gewalt sind die Folge. Ein
Erziehungsstil ohne Regeln und Konsequenzen hat sich als besonders ungünstig für die soziale Entwicklung des Kindes erwiesen. Regeln und damit verbundene Strukturen regulieren die menschlichen Beziehungen untereinander und geben gleichzeitig Halt und Sicherheit.
Wozu dient die Aggression und wie viel Aggression ist gesund
Bei Kindern hat Aggression auch oft etwas
Spielerisches. Sie spielen mit Hingabe Räuber und Gendarm, kämpfen mit ihren Action-Man-Figuren oder Plastikmonstern und wollen dabei erproben „wie stark und mächtig“ sie sind. Die spielerische Aggression hilft so auch bei der Kontaktaufnahme und der Festigung der Beziehung.

Man sieht bei ihnen auch, dass negative Gefühle oft nur von kurzer Dauer sind und mit zunehmendem Alter und zunehmender Entwicklung im Normalfall in immer geordnetere, kontrolliertere Bahnen gelenkt werden. Wenn dies nicht gelingt, und diese Kinder beispielsweise beim „Mensch ärgere dich nicht“ wütend und zornig werden, also regelrecht ausflippen,
dann muss das Verlieren geübt werden. Die Vorbildwirkung ist hier von entscheidender Bedeutung und kann in einem wertschätzenden Gespräch, in dem vermittelt wird, dass man den Ärger verstehen kann, zum Ausdruck gebracht werden.
Wut hat auch etwas Positives. Sie schützt vor schlechter, ungerechter Behandlung und erlaubt, sich mit Nachdruck zu wehren. Kinder müssen sich wehren dürfen... wenn sie das wollen! Die Aufgabe der Eltern ist es, eine Enthemmung zu verhindern, sodass das Kind nicht ohne Rücksicht auf Verluste seiner Wut ungebremst Ausdruck verleiht und jegliches Gefühl für Angemessenheit verliert. Will es sich nicht wehren, ist das auch in Ordnung. Jeder Mensch, ob klein oder groß, findet seinen individuellen Stil mit Konflikten und Aggressionen umzugehen. Es gibt keine RICHTIGE Reaktion.
Was tun bei Aggression

Gewaltbereites Verhalten resultiert aus einem
Mangel an sozialen Kompetenzen, wenn eine andere Form der Problemlösung und Konfliktbewältigung nicht möglich ist. Sehr häufig fehlt den Kindern und Jugendlichen die Übung, weil positives Verhalten nicht adäquat verstärkt wird oder das Umfeld selbst keine Vorbildwirkung für eine entsprechende Form der Konfliktlösung darstellt. Genauso, wie Kinder lernen sich unsozial zu verhalten, nämlich über Vorbilder, Erfahrungen und Verstärkung, muss es möglich sein prosoziales Verhalten zu lernen: Die Gefühle anderer wahrzunehmen und verstehen zu lernen, aber auch mit eigenem Ärger und eigener Wut umgehen lernen, sind
Strategien die helfen eine Gewalteskalation zu verhindern.
Der
Umgang mit Aggression ist ein zentrales Thema in der Kindererziehung. Die Aufgabe der Eltern ist es, klar und konsequent zu sein. Weder ein zu nachlässiger noch ein zu autoritärer Erziehungsstil sind dabei hilfreich. Wenn Aggression oder Gewalt, z. B. auf dem Spielplatz stattfinden, müssen die Eltern einschreiten. Die Gewalt stoppen und regulierend und vermittelnd eingreifen!
Wut oder Vorwürfe sind kontraproduktiv. Es geht darum, dem kleinen wütenden Wesen klar zu machen, dass Gewalt einfach inakzeptabel ist. Wenn man konsequent bleibt, dann stehen die Chancen gut, dass das Kind mit der Zeit eine gute Selbstkontrolle und Selbstregulation entwickeln wird.
In extremen Fällen und wenn die Eltern sich überfordert fühlen, sollten therapeutische Maßnahmen in Betracht gezogen werden. Familientherapie sowie Unterstützung der Eltern im Erziehungsverhalten aber auch die Arbeit mit dem Kind selbst (Verhaltenstherapie) sind hilfreich und sinnvoll.
Dieser Artikel stammt von unserer Expertin:
Mag. Silvia Rauhofer
Psychologische Praxis für Kinder, Jugendliche und Familien
Sieveringer Straße 32A, 1190 Wien, Österreich
Telefon: +43 664 993 10 17
Webseite:
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