Montag, 23. Oktober 2006 um 14:34
Sitzplatz für den Gitarrelehrer
Schon zwei Tage bevor unser Gitarrenlehrer ins Haus kommt bricht innerliche Panik in mir aus. Die Frage, die sich stellt: Wo setze ich das Kind und den Gitarrenlehrer in unserem Chaos hin? Ist ja nicht so als hätte man jeden Tag Zeit, eine halbe Tonne in den Kästen zu verstauen.
Gerade letzte Woche gab es wieder genug Gründe die freien Sekunden der Arbeitswoche mit meinem Kind zu verbringen - zwecks Besprechung der emotionalen Spannung mit der Lehrerin - oder damit, dem vom Tagesgeschäft erledigten Gatten wieder auf die Beine bzw. zu einem gefüllten Magen zu verhelfen.
Die fehlenden Heftumschläge hatten mein Sohn und ich wieder so gut versteckt, dass eine drei Stunden lange verzweifelt-gereizte Suche mir die so genannte Zeit der Haushaltsführung verkürzte. Ã?â??hnliches Verhalten beobachte ich seit Jahren in der Vorweihnachtszeit. Die gut versteckten Geschenke - um die Freude der Kinder am Heiligen Abend gewährleisten zu können - finden sich meistens zu Ostern wieder, ja manche Geschenke brauchen sogar Jahre, um wieder das Licht der Welt zu erblicken.
Aber als FörderIn der lokalen Tauschzentrale, püüh! ist das ja alles kein Problem.
Unser Wohnzimmer, ehemals Spielzimmer und Gastzimmer für Oma (Multiflexibilität), wird umgebaut und ist aufgefüllt mit Bücherkisten, ausgemusterten Spielen und Musikinstrumenten, die ich versucht hatte im Laufe meines Lebens zu bezwingen. Einige der bezwungenen Schallkörper stehen jetzt saitengerissen und trommelfellgeschlitzt hier, wartend auf den Beginn ihres Recyclingprogrammes.
Hausstauballergie auf Knopfdruck
"Untrennbar"?? in meiner Art, die mich auch auf den stolzen Besitz von 6 Nudelsieben gebracht hat, kann ich mich auch nicht von Büchern und Spielen trennen. Potentielle Enkelkinder könnten möglicherweise eine Menge Spaß daran haben oder verzweifeln, wenn Omi mit nostalgischer Verklärung die vorsintflutlichen Animationsprogramme den Kids von Morgen unterjubeln möchte. Zu diesem Zweck müssten diese allerdings zuerst in ein geeignetes Lager transportiert werden. Idee habe ich dazu noch keine, aber neidisch schiele ich auf die freien 14 Quadratmeter, die unsere Nachbarin in ihrer leeren Zweitgarage übrig hat. Die Bücher müssen nach jahrelangem leselosem Dasein abgestaubt werden, was ich, durch eine "psychisch" ausgelöste Stauballergie, die dankbarerweise bei einem Auftritt im Beisein meines Gatten ihre kräftigste und damit glaubwürdigste Intervention lieferte, Gott sei Dank unterbrechen musste. Die Wunden, die ich mir durch die Billigsdorfer-Papiertaschentücher unter meinem Riechkolben zugezogen habe, erinnern mich seit einer Woche täglich mehrmals schmerzhaft daran, dass ich in meinem vorigen Leben eine Prinzessin war und für diese niederen Tätigkeiten nicht begnadet bin.
Aber alles kein Problem, ich werde jetzt mit dem Kind Englisch lernen, dann verzweifelt neue Laubsägeblätter im Keller suchen, denn die "Technisches Werken-Stunde"?? grinst drohend vom Stundenplan ..... anschließend werde ich einen kleinen Bankraub machen, um die darauf folgende Schlagzeugstunde meines Sohnes, nach einer kleinstädtischen Kreuzfahrt mit dem Allrad, bezahlen zu können. Unverzüglich nach Niederlegung der Schlagstöcke werde ich Mister Mini ein beliebtes, vom Bäcker im Laufschritt oder "personal-drive-in only for vips like me" (nur für Inhaber der Golden Card der Biobäckerei Ritter in Baden) -Käseweckerl organisieren, damit ich mir auf der Heimfahrt das Gezeter "ich sterbe vor Hunger" erspare, um dann hoffentlich zeitgerecht und keuchend den Gitarrenlehrer meines "Benjamins" zu empfangen.
Klassiker der weiblichen Verführungskünste
Mit leicht geröteten Bäckchen, zartem Augenaufschlag und geknickter Halswirbelsäule werde ich eine "es tut mir leid, aber wir bauen gerade um"-Ausrede flöten und gekonnt meine Stressachselflecken mittels an den Körper gepressten Ellbogen überspielen.
Zur spirituellen Entwicklung des Freundeskreises
So kann ich nur mehr hoffen, dass die spirituelle Entwicklung meines Freundes und Gitarrenlehrers so weit fortgeschritten ist, dass er - geblendet von meinem rebellisch dem Infarkt trotzenden Herzen - seine Aufmerksamkeit nicht der lebensnah inszenierten Wohnung, sondern dem Erklimmen des letzten Sitzplatzes widmet und halsschenkelbruchfrei eine Stunde später das mit Tönen, Klängen und Oktaven gefüllte Haus zufrieden verlässt.
Montagsvorsätze
Ich werde mindestens vier Mal tief durchatmen, ein 20 Minuten in die Länge gezogenes OM auf meinen Lippen vibrieren lassen und visualisieren, wie ich die "Berge" des Innenraumdesigns bis zum nächsten Treffen gezähmt habe. Sofern ich mich zwischenzeitlich nicht dematerialisiere, werde ich wieder ein Lebenszeichen von mir senden.
Over & Out.
