Donnerstag, 16. November 2006 um 14:13
Die moderne Mediengesellschaft hat es dem Theater nicht leicht gemacht. Solche
Zeiten wie früher, wo man sich wochenlang auf eine Vorstellung freute und am
Tag der Aufführung sauber gewaschen, geputzt und gestriegelt ins Urania
Puppentheater zum Kasperl fuhr, um einen richtig schönen Tag zu erleben,
sind fast vorbei. Jetzt konsumiert man einen Film nach dem anderen aus der
"Konserve".
Überreizte Sinne suchen verwirrt Orientierung und Halt auf dem Bildschirm,
um all den Comicfiguren, den Crashs, Cuts und Sounds zu folgen. Nach der
Überdosierung aus der Flimmerkiste macht sich Sprachlosigkeit oder
Aggression breit, weil die Sinne nach so viel Input verrückt spielen.
Im Theater hingegen kann das kindliche Gehirn den Erlebnissen von Kasperl
und seinen Freunden folgen. Szenenwechsel erfolgen in angemessenem Tempo,
sodass die Informationen im Gehirn aufgenommen, verarbeitet und
weitergegeben werden können. Alle Kinder im Theater teilen Freud und Leid
mit Kasperl und Pezi und sind in die Aufführung integriert. Ihre
Aufmerksamkeit kann mithelfen, Kasperl vor dem bösen Krokodil zu warnen und
die alte Hexe mit Geschrei zu verscheuchen, damit sie dem Sepperl nix tut.
Aber die wohl wichtigste Lebensphilosophie in den ersten Jahren ist, dass
Kasperl und Pezi als Symbol für das Gute stehen. So schrecklich auch die
Erlebnisse im Wald und egal wie raffiniert und gemein die Bösen sind,
Kasperl siegt, das Gute siegt und das Böse verliert, wird gefangen,
eingesperrt und muss die gestohlenen Dinge zurückgeben und sich
entschuldigen.
Kasperl steht für die Hoffnung, die Hoffnung, die unser
Lebenselexier darstellt. Das Vertrauen, dass die Gerechtigkeit über allem
steht, auch wenn es manchmal lange dauert und sehr aufregend ist, bis das
Gute siegt und die Bösen verlieren. Dem Ehrlichen wird geglaubt, das Böse
wird zur Rechenschaft gezogen.
